Erzieher vs. Heilerziehungspfleger
Viele junge Menschen interessieren sich für soziale Berufe und schwanken zwischen der Ausbildung zur Heilerziehungspfleger:in und zur Erzieher:in. Doch welche langfristigen Perspektiven bieten diese Wege? Wir haben mit unserer Dresdner Kollegin Nadine Genehr gesprochen. Sie ist ausgebildete Heilerziehungspflegerin und hat zunächst einige Jahre mit Menschen mit Förder- und Unterstützungsbedarf gearbeitet und kennt die Herausforderungen dieses Berufsfeldes aus eigener Erfahrung.

Frau Genehr, Sie haben ursprünglich die Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin gemacht. Was hat Sie damals an diesem Beruf besonders gereizt?
„Mich hat vor allem die intensive Arbeit mit Menschen mit Behinderung angesprochen. Man begleitet sie im Alltag, unterstützt sie individuell und baut eine sehr enge Beziehung auf. Das ist eine unglaublich sinnstiftende Arbeit und ich habe meinen Beruf lange sehr gern ausgeübt.“
Viele unterschätzen jedoch die körperlichen Anforderungen in diesem Beruf. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
„Die körperliche Belastung ist tatsächlich ein wichtiger Punkt. In der Heilerziehungspflege gehört es oft zum Alltag, Menschen zu heben, umzusetzen oder körperlich stark zu unterstützen. Über die Jahre kann das zu gesundheitlichen Problemen führen. Bei mir war irgendwann klar, dass ich diese Arbeit körperlich langfristig nicht mehr ausüben kann. Dann steht man vor der Frage: Wie geht es beruflich weiter?“
Welche Möglichkeiten haben Heilerziehungspflegerinnen dann?
„Genau hier liegt ein Problem: Es gibt vergleichsweise wenige kurze Qualifizierungswege, um in andere pädagogische Bereiche zu wechseln. Wer beispielsweise Erzieherin werden möchte, muss oft noch einmal eine längere Ausbildung beginnen. Das kann für viele eine große Hürde sein.“
Sie beschäftigen sich inzwischen auch mit Ausbildungswegen im sozialen Bereich. Warum empfehlen Sie jungen Menschen häufig zuerst die Erzieherausbildung?
„Weil sie eine sehr breite Grundlage bietet. Als staatlich anerkannte Erzieherin kann man in vielen Bereichen arbeiten – in Kitas, Horten, Wohngruppen, Jugendhilfeeinrichtungen oder inklusiven Einrichtungen. Das eröffnet deutlich mehr Einsatzmöglichkeiten. Auch kann man danach studieren (auch ohne Abi). Die Ausbildungsinhalte ähneln fast 70 Prozent der Heilerziehungspflege.“
Und wie lässt sich die Heilerziehungspflege damit kombinieren?
„Ein sehr interessantes Modell bietet hier zum Beispiel die DPFA Akademie für Pädagogik. Wer zunächst die Erzieherausbildung macht, kann anschließend in nur eineinhalb Jahren berufsbegleitend eine Zusatzqualifikation in der Heilerziehungspflege erwerben. Dadurch erweitert man sein Kompetenzfeld enorm – ist mehr einsetzbar und kann mehr verdienen."
Was bedeutet das konkret für die beruflichen Möglichkeiten?
„Mit dieser Kombination ist man unglaublich flexibel. Man kann in der klassischen Kinder- und Jugendpädagogik arbeiten, aber auch junge Menschen mit Behinderung begleiten. Besonders spannend ist der inklusive Bereich – zum Beispiel in Integrationskindertagesstätten oder Förderschulen, in denen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam betreut werden. Dort sind Fachkräfte mit beiden Qualifikationen sehr gefragt. Mit einer Heilerziehungspflegeausbildung konnte ich leider nur in Wohnheimen und Werkstätten mit Erwachsenen arbeiten. Typische Weiterbildungen in den sozialpädagogischen Bereich, in der eine Anrechnung und Verkürzung möglich ist, gibt es in Sachsen so gut wie nicht.“
Das klingt nach einer strategisch klugen Ausbildung.
„Absolut. Wer den Weg Erzieher mit anschließender → Zusatzqualifikation Heilerziehungspflege wählt, hat eine breite pädagogische Basis und gleichzeitig spezialisiertes Wissen. Man bleibt also auch langfristig beruflich beweglich. Auch wenn derzeit davon gesprochen wird, dass weniger Erzieher:innen gebraucht werden, so gehen bald ein Drittel aller derzeit beschäftigten Erzieher:innen in den nächsten 5 Jahren in Sachsen in Rente. Das Berufsspektrum beschränkt sich zudem nicht nur auf Kleinkinder. Die Erzieherausbildung befähigt stattdessen zur Betreuung und Begleitung von Kindern sowie Jugendlichen bis 27 Jahren.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die heute vor der Entscheidung stehen?
„Ich würde ihnen empfehlen, nicht nur den Einstieg in den Beruf zu betrachten, sondern auch die Perspektive in zehn oder zwanzig Jahren. Die Erzieherausbildung bietet eine große Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten. Und wer sich später stärker in Richtung Inklusion entwickeln möchte, kann die Zusatzqualifikation immer noch anschließen.“
Frau Genehr, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns, dass Ihr Umweg Sie zu uns geführt hat!
Warum sich viele für die Erzieherausbildung entscheiden
Die Arbeit in der Heilerziehungspflege verbindet Pädagogik, Pflege und intensive Alltagsbegleitung. Die Erzieherausbildung bietet dagegen oft mehr Einsatzmöglichkeiten, verschiedene Spezialisierungen sowie gute Weiterbildungs- und Karrierechancen. Beide Berufe sind wichtig. Viele angehende Fachkräfte schätzen an der Erzieherausbildung jedoch die größere berufliche Flexibilität und die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten.
